Franzobel (© Hanna Silbermayr/Paul Zsolney Verlag)

Bahn

Franzobel: "Zeit für mich"

Warum Franzobel in der Bahn gerne liest, aber weniger gern schreibt.

Franzobel ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Österreichs. Soeben ist bei Zsolnay sein neuer Roman „Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind" erschienen. Der Bachmann-, Nestroy- und Schnitzler-Preisträger reist häufig mit der Bahn: Er verfährt über € 1500,– im Jahr und ist Inhaber der blauen Vielfahrer-VORTEILSCard. Metaphern des Bahnfahrens, des Ankommens und Abfahrens, Signale und Schienen, das alles lässt er auch in sein Werk einfließen. onrail sprach mit dem Autor über nervige Durchsagen, Autogrammjäger im Zug und die Verflugzeugisierung der Eisenbahn.

 

onrail: Warum fahren Sie so gerne mit der Bahn?

Franzobel: Zugfahren bedeutet Zeit für mich. Für ein Buch, das ich mir vorgenommen habe, für Gedanken, die ich weiterverfolgen will. Ich lese ja in der Bahn irrsinnig viel. Auf weiteren Strecken gerate ich in einen richtigen Lesefluss. Draußen zieht die Landschaft vorbei, drinnen saugt sich der Inhalt eines Buches ins Hirn. Das Gefühl in Bewegung zu sein finde ich sehr stimulierend. 

 

onrail: Sie sind Vielfahrer und Vielschreiber. Arbeiten Sie während längerer Bahnfahrten?

Franzobel: Schreiben im Zug fällt mir schwer. Das kann ich nur in Ausnahmesituation, wenn arger Abgabedruck herrscht. Mir ist einfach die Störfrequenz zu hoch. Besonders schlimm sind die ständigen Durchsagen in den deutschen Zügen. Zunächst stellt sich das ganze Zugteam vor, dann die Belegschaft des Bistros, dann kommen die ganzen Anschlusszüge, und das alles dreisprachig. Mordslange Monologe, die sehr anstrengend sein können.

 

onrail: Da könnte ein Blick auf die Landschaft beruhigend wirken. 

Franzobel: Die Gegend draußen ist mir eigentlich ziemlich wurscht. Dazu bin ich fast immer zu sehr in meine Lektüre vertieft. Manche Strecken finde ich landschaftlich aber schon sehr reizvoll. Zum Beispiel die von Linz nach Stainach-Irdning, über den Arlberg oder die Bergstrecken in der Schweiz. Was mir auf der Westbahn auffällt: Es wird mehr und mehr vertunnelt. Man sieht nur noch Lärmschutzwände. Das hat natürlich zwei Seiten. Ich verstehe auch die Anrainer, die ihr Recht auf Ruhe einfordern. 

 

onrail: Was sind denn sonst noch Ihre bevorzugten Strecken und Destinationen?

Franzobel: Ich nehme für alle Ziele, die in fünf bis sechs Stunden erreichbar sind, den Zug. Aufgrund meiner Fugangst fliege ich erst seit zehn Jahren. Ich bin daher ganz Deutschland mit der Bahn abgefahren. Österreich sowieso. Die Städte sind in der Regel alle gut erreichbar. Aber dann weiß man oft nicht, wie man weiterkommen soll. Der Bus fährt vielleicht nur zweimal am Tag. Das ist eine verkehrspolitische Fehlentwicklung. Landbewohner werden eigentlich gezwungen, sich ein Auto anzuschaffen. Andererseits ist mir auch bewusst, dass die Regionalzüge nicht leer durch die Gegend fahren können.

 

onrail: Sind Sie deshalb auch Autofahrer?

Franzobel: Nein. Ich lasse mich abholen oder nehme ein Taxi. Ich habe zwar den Führerschein, bin aber seit 25 Jahren nicht mehr selbst Auto gefahren. Das überlasse ich lieber meiner Frau. Mitfahren allein kostet mich schon viel Energie. Die wachsende Blechlawine, die Masse an PKWs und LKWs, die auf der Autobahn rechts und links vorbeidonnern! Ich finde den Straßenverkehr sehr bedrohlich. Um wie viel entspannender ist da eine Bahnfahrt!

 

onrail: Reisen Sie 1. oder 2. Klasse?

Franzobel: Wenn viel los ist, nehme ich lieber die 1. Klasse. Es ist weniger Bewegung im Zug, das finde ich angenehm. Manchmal kann aber gerade das lästig werden, weil immer irgendein Geschäftsmensch lautstark seine Deals per Handy abwickeln muss. Besonders störend ist das im Großraumwagen, da hat man dann von der 1. Klasse nicht wahnsinnig viel. Der Aufpreis für das Bisserl mehr Platz zahlt sich eigentlich nur noch den alten 1. Klasse-Abteil-Waggons aus. Wenn ich den Menschen zuhören will, setze ich mich viel lieber in die 2. Klasse, wo die Gespräche um vieles interessanter sind und mich auch für meine Arbeit inspirieren. Am liebsten sind mir die Regionalstrecken in Niederösterreich. Da erfährt man, was die Österreicher denken ... 

 

onrail: Lassen Sie sich selbst gern auf Gespräche mit Mitreisenden ein? Oder signalisieren Sie eher: Bitte nicht stören!

Franzobel: Wenn man dieselbe Reise macht, entwickelt sich automatisch so etwas wie Nähe. Manchmal ergeben sich daraus anregende Begegnungen und gute Gespräche. Ich muss aber zugeben, früher als Student war ich offener für neue Bekanntschaften, da bin ich schon mit einer ganz anderen Erwartungshaltung eingestiegen. Heute will ich manchmal einfach nur meine Ruhe haben. Ich will nicht immer gleich in ein Gespräch verwickelt werden, wer weiß, wie lange das dauert. Das nimmt mir mitunter zu viel von dieser mir sehr wertvollen Zeit für mich.

 

onrail: Als prominenter Schriftsteller ziehen Sie wahrscheinlich einige Blicke auf sich. Treffen Sie im Zug hin und wieder auf Autogrammjäger?

Franzobel: Ja, die gibt’s auch in der Bahn. Wenn die Distanz gewahrt wird, ist es für mich überhaupt kein Problem, angesprochen zu werden. Es gibt Menschen, die sehr wenig Reisen machen in ihrem Leben, die freuen sich dann und sind ganz begeistert, wenn sie jemanden sehen, den sie erkennen. Das ist dann auch für mich immer wieder schmeichelhaft. 

 

onrail: Trifft man Franzobel im Speisewagen an?

Franzobel: Ja, das Im-Speisewagen-Sitzen hat etwas sehr Schönes. Seit man nicht mehr rauchen darf, hat es für mich aber ein bisschen an Reiz verloren. Bitte mich nicht falsch zu verstehen: Ich bin natürlich für das Rauchverbot in den Zügen. Und drei Stunden nicht zu rauchen ist für mich auch überhaupt kein Problem. Aber auf längeren Bahnfahrten vermisse ich als bekennender Raucher doch einen rundum abgeschlossenen Bereich – und sei er noch so klein –, wo ich mich meiner Sucht hingeben kann. 

 

onrail: Bahnhöfe gehören für viele Schriftsteller zu Lieblingsschauplätzen. Finden Sie im Bahnhofstreiben Inspiration?

Franzobel: Bahnhöfe sind Soziotope, in denen sich unterschiedliche Menschen aus allen Schichten begegnen. So etwas ist für die literarische Arbeit immer anregend. Anders als die Flughäfen, die ja vor allem die Geschäftsreisewelt abbilden. Wobei mir die Entwicklung, dass alle Bahnhöfe gleich ausschauen, nicht so wahnsinnig gut gefällt. Es gibt keine Identitäten mehr. Das erinnert mich an die Monarchie. Kaiser Franz Josef hat auch allen Bahnhöfen einen einzigen Baustil verordnet. Dem Shoppingcenter mit Gleisanschluss kann ich gar nichts abgewinnen. Ich muss mir auf dem Bahnhof keine Inneneinrichtung kaufen, ein Geschäft für Reiseproviant genügt mir vollkommen.

 

onrail: Gibt es Bahnhöfe, die Ihnen besonders gut gefallen?

Franzobel: Sehr schön finde ich den Bahnhof in Meran, ein Prachtbau mit viel Belle-Epoque-Glanz. Auch der alte Westbahnhof hatte für mich ein ganz besonderes Flair. Er erinnerte mich an meine Kindheit. Ich hatte so einen Bahnhof in meiner Modellbahnanlage.

 

onrail: Sie haben die Bahn offenbar schon als Kind geliebt.

Franzobel: Ich habe immer viel lieber mit der Eisenbahn als mit Autos gespielt. Mein bester Schulfreund war ein sogenannter Ferrosexueller, wie diese Typen spaßhalber genannt werden, der alle Fahrpläne, Zugnummern und Baureihen auswendig runterbeten konnte. So schlimm war’s bei mir aber nie.

 

onrail: Gibt es etwas, das Sie an der Bahn weniger schätzen?

Franzobel: Am meisten stört mich die Verflugzeugisierung der Eisenbahn. Dadurch geht viel Bequemlichkeit verloren. Ich freue mich immer, wenn ich einen der alten Abteilwaggons erwische, in dem man das Fenster noch selbst aufmachen und die breiten Stoffsitze zum gemütlichen Liegebett ausziehen kann. Leider sind sie selten geworden. Irgendwie sehne ich mich nach den alten Eisenbahnzeiten zurück, als der Zugbegleiter noch Schaffner hieß. Wenn man sich die Bauweise der neuen Waggons anschaut, habe ich das Gefühl, die Designer sind noch nie selbst in einem Zug gesessen. Es werden viel zu selten die Menschen befragt, die die Bahn wirklich nutzen. Auch die Umluft in den modernen Waggons find ich extrem ungut, da bin ich jedes Mal richtig benebelt. So als ob man gerade aus einem Flugzeug gestiegen ist. In Österreich ist das Bahnfahren zum Glück noch relativ frei und ungezwungen. Ich war vor kurzem in Frankreich, da kommt man ohne Vorreservierung in keinen Zug mehr hinein. Die Züge sind voll bis auf den letzten Platz. Man kann gar nicht mehr spontan auf den Bahnhof gehen und irgendwo hinfahren. Gerade das macht für mich aber den Reiz des Bahnfahrens aus! 

 

onrail: Ärgern Sie sich über Verspätungen?

Franzobel: Nein, das ist überhaupt kein Thema. Ich finde die Bahn sehr pünktlich. In meinem langen und doch sehr intensiven Zugfahrerleben hat es eigentlich erst zweimal massive Verspätungen gegeben. Und sich über ein paar Minuten aufzuregen, finde ich ziemlich unnötig.

Interview: Christine Sicher  

Artikelinfos

  • Tuesday, 28. Feb. 2012

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